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Von Aggressivität beim Kaninchen wird häufig berichtet - entweder werden damit Beißereien der Kaninchen untereinander oder Angriffslust gegenüber den Besitzern beklagt. Die Gründe für dieses “Fehlverhalten” sind unterschiedlicher Natur und oftmals beeinflussbar. Meist handelt es sich nicht um grundsätzlich unberechenbare Tiere, wie es von den Besitzern empfunden wird, sondern um Verhaltensweisen, die auf krankheitsbedingte Ursachen, hormonelle Störungen, Angst bzw. Unsicherheit oder auch Haltungsfehler zurückzuführen sind.
Grundsätzliches zum Kaninchenverhalten Kaninchen sind keine Tiere, die sich gerne auf den Schoß nehmen und dort streicheln lassen. Sie sind in der Natur Fluchttiere und so manches Hochheben, von oben Greifen oder enges Festhalten kann bei ihnen Angst auslösen. Manchmal erfolgen Abwehrreaktionen erst nach einer Weile, während der das Kaninchen diese Manipulation “ertragen” hat. Dann beginnt es oftmals plötzlich, den Streichelnden wegzustoßen, bzw. in die Hand oder in den Arm zu zwicken. Das ist nicht als Zeichen für Aggressivität zu werten, das Kaninchen möchte lediglich entkommen, da es sich bedrängt fühlt. Ebenso wenig möchten Kaninchen in der Regel auf den Arm umher getragen werden. Ein Strampeln, das auch Kratzer hinterlässt, oder ein Zwicken in einer solchen Situation darf ebenfalls nicht als Aggressivität aufgefasst werden, es ist lediglich der Versuch, der unangenehmen Lage zu entkommen. Ähnliche Fluchtversuche werden unternommen, wenn das Kaninchen ungeschickt, unvermittelt oder grob angefasst wird. Verletzungen von Mensch und Tier können die Folge sein. Kleine Kinder sollten daher grundsätzlich nur unter Aufsicht Umgang mit Kaninchen haben!
Laut- und Körpersprache im Zusammenhang mit Aggressivität Ein Kaninchen, das sich gestört fühlt, legt die Ohren an (beim Widder nicht sichtbar), springt nach vorne, schlägt dabei mit beiden Vorderläufen oder beißt. Dabei ist in der Regel ein deutlicher Knurrlaut zu hören. Zieht der Angegriffene (egal ob Mensch oder Tier) sich dann nicht zurück, so wird er weiter attackiert. Lässt er sich vertreiben, so wird er oft noch ein Stück weit gejagt. In dieser Situation sollte das Kaninchen die Möglichkeit bekommen, sich in Ruhe zurück zu ziehen und nicht weiter bedrängt werden. Ein oft falsch verstandenes Verhalten im Zusammenhang mit Aggressivität ist das Umkreisen des Besitzers, wobei häufig brummende Laute ausgestoßen werden. Das Kaninchen bespringt dabei manchmal auch die Füße des Besitzers oder beißt.. Hierbei handelt es sich um sexuell motiviertes Verhalten wie bei einer Begattung, das typischerweise bei einzeln gehaltenen Tieren gezeigt wird, die den Menschen , ein Stofftier oder Gegenstände fehlgeleitet als Ersatzpartner umwerben. Führt dieses werbende Brummen um Umkreisen nicht zum Erfolg, kann aus der Frustration heraus auch gebissen werden. Ein “Haltebiss” erfolgt darüber hinaus auch, wenn der Rammler versucht, den von ihm auserwählten Gegenstand oder menschliche Füße zu besteigen. Schreit ein Kaninchen, z. B. wenn es hochgenommen wird, so ist dies nicht als Abwehrreaktion oder Aggression zu interpretieren, sondern stets ein Ausdruck höchster Angst oder Schmerzen.
Gründe für Aggressivität
Hormone Insbesondere bei weiblichen Kaninchen sind die Gründe für aggressives Verhalten vielfach in einer hohen Produktion an Geschlechtshormonen zu suchen. Das bereits beschriebene Knurren und mit den Vorderpfoten schlagen sowie auch Beißen, um das Revier zu verteidigen, sind während einer Scheinträchtigkeit noch stärker ausgeprägt als außerhalb dieser Zeit. Diese Tiere fallen neben ihrem angriffslustigen Verhalten auch durch Dominanz gegenüber Partnertieren (sichtbar z.B. durch häufiges Besteigen) und wiederkehrendes Nestbauverhalten auf. Dazu rupfen sie entweder sich selbst oder einem Partnertier Fell aus und/oder tragen Heu und Stroh zusammen. Bei der Untersuchung in der Praxis sind zudem häufig ein ausgebildetes oder laktierendes (milchgebendes) Gesäuge sowie eine Vergrößerung des Uterus festzustellen. Auch männliche, insbesondere unkastrierte und einzelne gehaltene Kaninchen, die wie oben beschrieben die Füße der Besitzer bespringt und in die Füße oder Waden hineinbeißen, zeigen ein Fehlverhalten, dass zwar durch nicht artgerechte Haltungsbedingungen massiv gefördert wird, das aber auch hormonell bedingt ist. Hier schafft eine Kastration Abhilfe und nimmt dem Kaninchen zudem einen großen psychischen Druck. Bei der Gemeinschaftshaltung männlicher Tiere ist eine Kastration möglichst vor Eintritt der Geschlechtsreife unverzichtbar, um sie dauerhaft gemeinsam halten zu können. Bei einem weiblichen Kaninchen, insbesondere wenn es beim Auftreten der ersten Scheinträchtigkeiten und Aggressivitätsanzeichen noch jung ist, führt eine Kastration ebenfalls dazu, dass das Tier deutlich verträglicher wird. Zudem gibt es auch wichtige medizinische Indikationen, ein junges weibliches Tier, das aufgrund von gesteigertem sexuellem Verhalten auffällt, zu kastrieren: Diese Kaninchen zeigen in der Regel Veränderungen des Uterus, die sich zu Tumoren entwickeln können. Natürlich kann - gerade bei älteren Tieren - durch eine Kastration nicht plötzlich das gesamte Verhalten verändert werden. Im Laufe der Zeit schleifen sich viele der “unerwünschten” Verhaltensweisen als Gewohnheit ein, die erst langsam und mit Geduld des Besitzers wieder abgelegt werden. Daher muss im Rahmen der Kastrationsberatung immer auch darauf hingewiesen werden, dass der chirurgische Eingriff nicht die Optimierung der Haltungsbedingungen ersetzt.
Haltung Auch Haltungsfehler können ursächlich für unerwünschtes Verhalten sein. Eine zu geringe Gehegegröße oder eine unzureichende Strukturierung des zur Verfügung stehenden Platzes kann dabei ebenso eine Rolle spielen wie eine ungünstige Gruppenzusammensetzung z.B. mit mehreren unkastrierten Rammlern oder mehreren unkastrierten weiblichen Tieren, die keine stabile Rangordnung etablieren. Auch das Versterben des ranghöchsten Kaninchens kann zu einem unstabilen Gefüge mit Rangordnungskämpfen führen. Ebenfalls ein grober Haltungsfehler, der zu Aggressivität führen kann, ist die Einzelhaltung. Kaninchen sollten immer mindestens zu zweit gehalten werden!
Handling Im Umgang mit dem Kaninchen können Fehler gemacht werden, die ein scheinbar aggressives Verhalten des Tieres nach sich ziehen. Zum einen können durch falsches Festhalten Schmerzen entstehen, denen das Tier entkommen möchte. Durch Ausschlagen und ruckartige Drehbewegungen fügt es sich dabei unter Umständen weitere Schmerzen zu, und auch der Haltende kann durch Kratzer oder Bisse verletzt werden. Zum anderen kann durch plötzliches Greifen von oben der Fluchtreflex ausgelöst werden, weil das dem Angriff eines Beutegreifers gleicht. Dies führt beim Anheben des Tieres zu Befreiungsversuchen, die meist mit kräftigen Ausschlagen der Hintergliedmaßen einhergehen. Die dadurch entstehenden Kratzverletzungen z. B. an den Unterarmen des Haltenden können tief und schmerzhaft sein, sind aber nicht auf ein aggressives Verhalten des Tieres zurückzuführen. In diesem Zusammenhang ist noch einmal ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass der leider noch vielfach verbreitete Nackengriff genau wie ein Halten an den Ohren absolut abzulehnen und oftmals die Ursache für schwerwiegende Verletzungen von Wirbelsäule und Rückenmark ist!
Krankheit Scheinbare Aggressivität kann auch in Verbindung mit schmerzhaften Erkrankungen auftreten, wenn das betroffene Tier sich z. B. zurückziehen möchte und sich durch das Handling bedrängt fühlt bzw. das Handling Schmerzen auslöst oder verstärkt. Zu den typischen Erkrankungen hierfür gehören zum Beispiel schmerzhafte Veränderungen des Bauchraumes (Aufgasungen, Magenüberladungen, Tumorerkrankungen) oder Veränderungen des Skeletts (Frakturen, Arthrosen). Auch bei Erkrankungen des Atmungstraktes kann selbst sachgemäßes Handling Atemnot und Panik mit Abwehrbewegungen hervorrufen.
Um die Gründe für Aggressivität und Ansatzpunkte zur Behandlung zu finden, ist eine sorgfältige Analyse der Lebensumstände des betreffenden Tieres nötig!
Vorbeugung und Behandlung von aggressiven Verhalten
Zunächst sind natürlich optimale Haltungsbedingungen essentiell, wobei eine ausreichende Gehegegröße mit entsprechender Einrichtung und Beschäftigungsmöglichkeiten ebenso dazu gehören wie die Haltung mindestens zu zweit. Die Vergesellschaftung eines Einzeltieres ist ein weiterer wichtiger Schritt, um aggressives Verhalten abzustellen, da die soziale Interaktion einen äußerst wichtigen Wohlfühlfaktor darstellt. Gelegentlich kann es jedoch sein, dass die Vergesellschaftung von zwei Einzeltieren nicht gelingt. In diesen Fällen sollte als nächste Maßnahme eine weitere Vergesellschaftung mit einem anderen Kaninchen, das das vorhandene charakterlich ergänzt, oder in eine Gruppe versucht werden, in die sich auch ein dominantes Tier häufig gut einfügt. Wichtig für die Zusammenführung ist, möglich einen allen Tieren unbekannten Platz (z. B. Küche oder Badezimmer) zu wählen. Erst wenn dort ein friedliches Miteinander erfolgt (wobei durchaus auch in den ersten Tagen immer wieder einmal ein wenig Fell fliegen darf, ohne dass jedoch Bissverletzungen zu finden sind), darf die Gruppe gemeinsam in ihr dauerhaftes Gehege gebracht werden. Dieser Zeitpunkt wird manchmal nach einigen Stunden, häufiger jedoch nach einigen Tagen und selten erst nach Wochen erreicht. Im angestammten Gehege wird sich dann nach und nach die neue Rangordnung herauskristallisieren, so dass gelegentliches Aufreiten oder kurze Angriffe, so fern keine Verletzungen entstehen, unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten sind. Wichtig ist darauf zu achten, dass alle Kaninchen fressen (regelmäßige Gewichtskontrolle!) und das kein Tier sich längerfristig allein zurückzieht oder von allen anderen verjagt wird. Verletzungen, Inappetenz und Absondern sollten Gründe sein, zum einen den Gesundheitszustand des betreffenden Tieres zu überprüfen und zum anderen ggf. die Gruppenzusammensetzung noch einmal zu überdenken. Dann ist es wichtig, das Vertrauen des Kaninchens mit einer ruhigen und vorsichtigen Herangehensweise zu erwerben. Gerade bei sehr scheuen Tieren hat es sich bewährt, ihr Schutzbedürfnis zu nutzen, indem sie zunächst lernen, in eine mit Heu oder Leckerbissen ausgestattete Transportbox zu gehen, um sie dann z.B. vom Käfig oder Gehege in den Freilauf zu transportieren. Diese Methode hat zusätzlich den Vorteil, dass die Transportbox als sicher und daher bei Reisen oder Tierarztbesuchen nicht mehr als aufregend oder gar bedrohlich empfunden wird. Erst wenn ein Kaninchen bereits Vertrauen gefasst hat, d. h. problemlos aus der Hand Leckerbissen abholt oder sich im Gehege streicheln lässt, sollte es daran gewöhnt werden, gelegentlich auf eine sichere Weise hochgehoben zu werden, um z. B. Pflegemaßnahmen durchführen zu können.
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