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Dr. med. vet. Eberhard Hönicke

Der Graue Star beim Hund

Der Graue Star (medizinisch: Katarakt) ist die Trübung oder Weißfärbung der normalerweise durchsichtigen Linse im Auge. Hierbei können einzelne Bereiche oder auch die gesamte Linse betroffen sein. Die Katarakt kann einseitig oder beidseitig auftreten. Eine beidseitige Linsentrübung muss nicht unbedingt an beiden Augen gleich stark ausgeprägt sein.

Aufbau und Funktion der gesunden Linse im Hundeauge

Die Linse setzt sich aus der vorderen und der hinteren Linsenkapsel, der nach innen angrenzenden Rindenschicht und dem im Zentrum befindlichen Kern zusammen. An der vorderen sowie an der hintern Kapsel befindet sich jeweils eine y-förmige bzw. umgekehrt y-förmige Naht. Diese Nähte bieten dem Tierarzt eine gute Orientierung hinsichtlich der Ebenen, in welcher sich mögliche Linsentrübungen befinden. Die Zusammensetzung der Linse besteht zu etwa 65% aus Wasser und zu 35% aus Proteinen. Die Hundelinse hat einen Durchmesser von ca. 9-12 mm und eine Dicke von ca. 6-8 mm. Die stabile Befestigung der Linse im inneren Auge wird durch spezielle Fasern (Zonulafasern) gewährleistet, die an einem kleinen, ringförmigen Muskel (Ziliarkörper) im Auge befestigt sind. Die ausgewachsene Linse besitzt keine eigene Blutversorgung und erhält ihre Nährstoffzufuhr (eine wichtige Rolle spielt hierbei Glukose) über das Kammerwasser und den Glaskörper, dem Raum zwischen Linse und Netzhaut. Der dichte und regelmäßige Faserverlauf in Rinde und Kern ergibt die notwendige Transparenz der Linse. Somit kann sie ihre Aufgabe, die einfallenden Lichtstrahlen zu brechen und damit ein scharfes, umgekehrtes Bild auf der Netzhaut entstehen zu lassen, erfüllen.                                                                                               Um Gegenstände in der Nähe scharf zu stellen, verdickt sich die Linse, die Zonulafasern erschlaffen und es erfolgt eine stärkere Brechung der Lichtstrahlen. Bei der Ferneinstellung hingegen flacht sich die Linse ab.                                       Es kommt zeitlebens zu einer kontinuierlichen Neubildung von Linsenfasern, sodass sich mit zunehmenden Alter der Hundes der Linsenkern verdichtet und sich das Phänomen der Linsenverdichtung bildet.  Diese Verdichtung, die ab dem Alter von fünf Jahren beginnen kann, fällt dem Besitzer häufig als weiß-bläulich schimmernde Trübung des Auges auf, die durch eine Streuung des einfallenden Lichtstrahlen entsteht. Sie schränkt die Tiere nicht in ihrer Sehkraft ein und ist als ganz normales Altersphänomen nicht mit dem “richtigen” Grauen Star zu verwechseln, der durchaus zu Seheinschränkungen bis hin zur vollständigen Erblindung führen kann.                                                                                      Die Unterscheidung zwischen der Linsenverdichtung und dem Grauen Star kann anhand der vollständigen Augenuntersuchung festgestellt werden. Die Linsenverdichtung muss im Gegensatz zum Grauen Star nicht behandelt werden.

Mögliche Ursachen für den Grauen Star

Im Allgemeinen kommt die Trübung der Linse durch eine erhöhte Wasseraufnahme mit Aufquellung der dicht geordneten Linsenfasern zustande. Die Quellung der Linsenfasern bewirkt den Verlust der “Ordnung” innerhalb der Linse und somit auch den Verlust ihrer Transparenz. Im Spätstadium kann sich eine Abnahme des Wassergehaltes anschließen, was jedoch die Durchsichtigkeit der Linse nicht wiederherstellt.
Ursache der vermehrten Wasseraufnahme der Linse und somit der Ausbildung eines Grauen Stars sind angeborene Missbildungen, erbliche Gendefekte, Stoffwechselstörungen (z.B. Diabetes mellitus), Toxine, physikalische Einwirkungen (z. B. Strahlung) u. a. Ebenso können Verletzungen und Entzündungen des vorderen Auges sowie auch erbliche Erkrankungen (z.B. progressive Retinaatrophien, PRA) und Entzündungen der Netzhaut im hinteren Augenabschnitt zur Linsentrübung führen.

Welche Formen des Grauen Stars lassen sich unterscheiden?

Für die Einteilung in die verschiedenen Kataraktformen gibt es zahlreiche Kriterien. Bei dieser Einteilung ist es wichtig zu wissen, dass in nahezu allen Fällen des Grauen Stars mehrere Kriterien zutreffen.

1. Reifestadien der Linsentrübung:
Zu Beginn einer Linsentrübung ist in der Regel die Netzhaut bei der Untersuchung noch zu erkennen, sodass eine unvollständige oder auch unreife Trübung vorliegt.
Ist die Linse komplett getrübt, sodass der Hund blind ist und für den Untersucher die hinter der Linse befindlichen Augenabschnitte nicht mehr einsehbar sind, so spricht man von einem reifen Grauen Star. Dem Besitzer fällt eine vollständig weiße Linse auf.
Im weiteren Verlauf beginnt sich das Linseneinweiß aufzulösen, die Linse wird überreif. Oft nimmt die Linse dann einen Gelbstich an und/oder erscheint zum Teil glitzernd. Jede Art der Katarakt ist potentiell für das Hundeauge sehr gefährlich, da es durch austretende Linseneiweiße zu schweren Entzündungen der Regenbogenhaut (Iris) und des Ziliarkörpers mit Loslösung der Linse führen kann und einem sich anschließenden Grünem Star (Glaukom), einer für den Hund sehr schmerzhaften Erkrankung mit meist nicht rückgängig zu machender Erblindung, kommen kann.

2. Lokalisation der Trübung
Die Trübung kann in vielfältiger Weise unterschiedliche Bereiche der Linse betreffen: vordere Kapsel, vordere Rindenschicht, Kern, hintere Rindenschicht, hintere Kapsel, vordere und/oder hintere Linsennaht (z. B. sternförmige Trübung der zentralen, hinteren Kapsel)

3. Zeitpunkt des Auftretens
Bei einer Trübung vor der 6.-8. Lebenswoche spricht man von einer angeborenen Katarakt. Trübungen beim Junghund treten nach der 8. Lebenswoche, meist zwischen dem 1. und 5. Lebensjahr, auf. Bei älteren Tieren beobachtet man die Alterskatarakt, die nicht zu verwechseln ist mit der Linsenverdichtung.

4. Vererbte Katarakt
Der Vererbungsgang der Katarakt ist beim Hund in den meisten Fällen rezessiv. Die vererbte Form tritt meist beidseitig auf und schreitet fort. In den überwiegenden Fällen kommt es im jugendlichen Alter (unter 6 Jahren) zur Ausprägung der Linsentrübung. Erbliche Kataraktformen treten bei vielen Hunderassen auf, wobei es durchaus rassespezifische Unterschiede in der Ausprägung des Grauen Stars gibt. Es ist für die Gesunderhaltung der Hunde wichtig und notwendig, mit betroffenen Hunden nicht zu züchten. Programme für Vorsorgeuntersuchungen und daraus resultierende Zuchtprogramme werden von vielen Zuchtvereinen des Verbandes für das deutsche Hundewesen (VDH) angeboten. Informationen über erbliche Augenerkrankungen sind zum Beispiel auf der Homepage des Dortmunder Ophtalmologen Kreises (DOK)
www.dok-vet.de zu finden.

 5. Sekundäre Katarakte
Der Begriff sekundäre Katarakte bezeichnet die Linsentrübung als Folge einer anderen Erkrankung im Auge. Ursächlich kommen eine Reihe von primären Augenerkrankungen in Frage: starkes Trauma z. B. durch einen Unfall oder eine Verletzung, Degeneration der Netzhaut (z. B. progressive Retinaatrophie, Netzhautentzündung, Netzhautablösung), Entzündungen der Regenbogenhaut, eine Loslösung der Linse aus ihrer Befestigung und ein chronisch erhöhter Augeninnendruck (Glaukom oder Grüner Star).

6. Stoffwechselbedingte Katarakt
Bei etwa 80% aller an einem Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) erkrankten Hunde kommt es nach spätestens zwei Jahren zu einer beidseitigen Linsentrübung, die, sobald sie beginnt, meist innerhalb kürzester Zeit (zwei Wochen) auftritt und schnell fortschreitet. Der erhöhte Zuckergehalt im Kammerwasser lässt auch die Zuckerkonzentration in der Linse ansteigen, dadurch kommt es zu einer vermehrten Wasseraufnahme ins Linseninnere. Durch die daraus resultierende Aufquellung verliert die Linse ihre Durchsichtigkeit. Eine vorbeugende Maßnahme beider diabetischen Katarakt ist leider noch nicht bekannt.

Was sind die Anzeichen des Grauen Stars?

Das wichtigste Symptom, nämlich der Sehverlust, fällt dem Besitzer oft erst auf, wenn beide Augen gleichermaßen fortgeschritten betroffen sind. Dies kann in einer Zeitspanne von 1-2 Wochen, einigen Monaten oder sogar Jahren auftreten. Zunächst verfärbt sich die Linse bläulich-weiß; im Endstadium ist sie schneeweiß. In der Regel ist der Graue Star für das betroffene Tier nicht schmerzhaft. Allerdings sind die Folgeerscheinungen wie z. B. Entzündung der Regenbogenhaut mit der Loslösung der Linse und dem sich anschließenden Glaukom und dem daraus resultierenden erhöhten Augeninnendruck extrem schmerzhaft für das Tier, so dass jede Form des Grauen Stars genau untersucht werden sollte, um festzustellen, ob und welche Therapie notwendig ist. Zur genauen Identifizierung eines Grauen Stars muss sich die Pupille in vollständiger Weitstellung befinden, was durch geeignete Augentropfen vom Untersucher erreicht wird. Unter Kontrolle des Augeninnendruckes lassen sich dann mit Hilfe einer Spaltlampe von vorne nach hinten alle Ebenen und Bereiche der Linse in vergrößerter Form darstellen. Damit kann exakte Lokalisation der Trübung erfolgen.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Der Graue Star kann weder mit Tabletten oder Injektionen noch mit Augensalben oder -tropfen beseitigt oder aufgehalten werden. Auch vorbeugende Maßnahmen stehen nicht zur Verfügung. So bleibt als einzige mögliche Therapie die operative Entfernung der Linse. Ob sich ein am Grauen Star erkranktes Auge zur Operation eignet, muss anhand von diversen Voruntersuchungen des Auges sowie natürlich auch vom Allgemeinzustand des Hundes (Alter, Gesundheitszustand) genauestens abgewägt werden. Vor einer solchen Operation erfolgt mithilfe einer Ultraschalluntersuchung ein genauer Aufschluss über den Zustand der Linse (Lage, Dicke) sowie der Struktur hinter der getrübten Linse (z. B. eventuelle Missbildungen, Netzhautablösungen, Blutungen im Glaskörper). Ein Elektroretinogramm (ERG) gibt dem Untersucher Auskunft über den Funktionszustand der Nervenzellen der Netzhaut. Es ist vergleichbar mit einem EKG des Herzens.
Anhand der Ergebnisse dieser beiden Untersuchungen wird dann zusammen mit dem Besitzer entschieden, ob eine Operation des Grauen Stars in dem jeweiligen Fall sinnvoll ist oder nicht. Bei optimalen Voraussetzungen sind die Erfolgsaussichten einer Kataraktoperation sehr gut.
Die Operation wird ambulant durchgeführt, d. h. das Tier kann am selben Tag wieder nach Hause. Eine sich für 2-3 Wochen anschließende intensive Betreuung und Medikamentengabe durch den Besitzer ist eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg einer solchen Operation.
Die Linsenentfernung erfolgt unter starker Vergrößerung mittels eines Operationsmikroskops. Nach einem kleinen Hautschnitt im äußeren Augenwinkel wird die Hornhaut bogenförmig im oberen Bereich des Auges eröffnet. Der getrübte Linseninhalt wird per Ultraschall zertrümmert und aus dem Kapselsack abgesaugt. Die Möglichkeit der Implantation einer Kunstlinse kann der Operateur erst während der Operation entscheiden. Hunde, die eine Kunstlinse erhalten, sind nach der Operation bei komplikationslosem Heilungsverlauf auf dem Auge normalsichtig. Hunde ohne Kunstlinse sind weitsichtig und kommen in der Regel sehr gut zurecht. Zum Operationsende werden Hornhaut und Haut wieder verschlossen. Die Hautfäden werden nach 2-3 Wochen gezogen, die Hornhautfäden verbleiben und werden im Laufe der Zeit aufgelöst. Das frisch operierte Auge ist hochempfindlich und sollte keinerlei Stöße oder ähnliche Traumata ausgesetzt werden.
Ob bei einem Patienten ein oder beide Augen gleichzeitig operiert werden, hängt von verschiedenen Kriterien ab, die vor der Operation in ausführlichen Gesprächen geklärt werden. Eine merkbare Sehverbesserung tritt bei komplikationsloser Operation und Nachsorge meist innerhalb der ersten 2-3 Tage ein. Die Gefahr von möglichen Komplikationen nach einer Linsenentfernung, wie z. B. Blutungen, Netzhautentzündungen oder -ablösungen, Glaukom, ist zumeist nach einem Zeitraum von von 3 Monaten nach der Operation überstanden. Gleichwohl muss gesagt werden, dass operierte Augen lebenslang “empfindlicher” gegenüber Entzündungen, Stößen, etc. sein können. Aus diesem Grund ist eine lebenslange Kontrolle des operierten Auges (im Allgemeinen zweimal pro Jahr) angeraten.
Generell ist die Katarakt eine durchaus erfolgreich zu behandelnde Erkrankung, die einen komplett erblindeten Hund eine deutlich verbesserte Lebensqualität zurück gibt, sofern eine individuelle Beurteilung jedes Patienten mit genauer Untersuchung der übrigen Augenabschnitte vor einer Operation erfolgt. Wird vor einer Operation abgesehen (z. B. weil keine Sehverbesserung zu erwarten ist), sollte das kataraktöse Auge unbedingt einer halbjährlichen Kontrolle unterzogen werden, um die oben genannten möglichen Folgeerkrankungen zu erkennen und vorzubeugen bzw. zu behandeln.

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