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Tierärztliche Praxis für Kleintiere

Dr. med. vet. Annerose Hönicke

Tierärztliche Praxis für Großtiere

Dr. med. vet. Eberhard Hönicke

Gründe zur vorübergehenden Haltung von Igeln

Durch Witterungsverschiebungen kann es vorkommen, dass noch im Herbst Igel geboren werden, die das für den Winterschlaf nötige Mindestgewicht von 700 g nicht erreichen können. Sie würden verhungern bzw. erfrieren und sind deshalb bei bereits eingetretenem kaltem Wetter mit ins Haus zur Überwinterung mitzunehmen. Auch jene erwachsene Igel, die im Spätherbst bei kalter Witterung tagsüber umherirren, sind  krank oder stark untergewichtig. Mit einem Gewicht von weniger als 700g (etwa die Größe einer Konservendose) sind sie für den Winterschlaf nicht gerüstet. Dabei ist zu beachten, dass ein im Schnee oder bei Frost aufgefundener Igel auf jeden Fall zur Überwinterung ins Haus zu nehmen ist.

1. Aufnahme und erste Maßnahmen

Ein aufgenommener Igel sollte sofort gewogen werden. Stellt man dabei ein Gewicht von mehr als 700g fest, sollte man ihn unverzüglich an seinen Fundort zurückbringen, damit er sein vorbereitetes Winternest wieder finden kann. Wurde er aber bei Schnee und Frost außerhalb eines Winternestes gefunden, ist er krank und bedarf unserer Hilfe. Sein Gewicht ist in diesem Fall nicht maßgebend.

Zuerst muss der Igel sorgfältig nach etwaigen Wunden untersucht werden, die ggf. von Fliegeneiern oder –maden zu säubern sind. Fliegeneier kann man mittels einer Zahnbürste oder einer Pinzette entfernen, die Maden sind sorgfältig mit einer Pinzette abzulesen. Sitzen sie in den Ohren, sollten in diese einige Tropfen 30%iger Alkohol eingeträufelt werden, was die Maden zum Herauskriechen veranlasst.

Verschmutzte oder vereiterte Wunden sollten - sofern sie zugänglich sind - zuerst durch ein Bad in lauwarmen Kamilletee mechanisch gereinigt werden. Die gereinigten Wunden können dann mit Bepanthen-Salbe, Pantothen oder, wenn sie infiziert scheinen, mit Nebacetin-Salbe oder Baneocin behandelt werden. Auch Lotagen, Merfen oder Furacin sind gut geeignet. Bei Wunden, die einer Reinigung schwer zugänglich sind, ist Lotagen besonders wirksam, da dieses Präparat die Verunreinigungen, Krusten oder Eiterabsonderungen durchdringt.

Die meisten Igel haben Flöhe, die – sofern es Igelflöhe sind – nicht auf Menschen übergehen. Man badet diese Igel in lauwarmen Wasser, dem man Sebacil beimengen kann, wobei durch häufiges Übergießen des Igels mit dieser Lösung dafür gesorgt werden muss, dass er überall nass wird, da sich die Flöhe sonst an die trocken gebliebenen Stellen (hinter den Ohren, am Hals, am Kopf) zurückziehen. Man kann aber auch eine Behandlung mit Alugan-Spray, Vinx-Spray oder Pyrethrum durchführen, wobei tunlichst die Augen abgedeckt werden sollten. Anschließend wird der Igel in jedem Fall sorgfältig in der Badewann lauwarm abgespült, damit die – nur betäubten – Flöhe weggeschwemmt werden. Danach muss der Igel in einem warmen und zugfreien Raum trocknen können.

Ein stark geschwächter oder unterkühlte Igel (Anzeichen: mangelnde Abwehrreaktion, kein Einrollen, Apathie) darf nicht sofort dem Reinigungsbad ausgesetzt werden, er muss zuerst in einem warmen Nestchen aufgewärmt werden.

Zecken entfernt man mit einem kräftigen Ruck mittels Pinzette. Wichtig ist, die Pinzette möglichst nahe der Haut anzusetzen, um den Zeckenkopf mit rauszuziehen. Vorsicht: nicht mit den Zitzen verwechseln!

Unterlassen Sie bitte jegliches „markieren“ der Igel mit Farbe, Chemikalien oder anderen Stoffen!

Sofortbehandlung

Erfahrungen der letzten Jahre zeigen immer deutlicher, dass fast alle im Herbst in Menschenhand gelangenden Igel hochgradig von Innenschmarotzern befallen sind. Dabei ist es durchaus möglich, dass bei diesen Tieren zunächst keine Krankheitsanzeichen festzustellen sind. Selbst nach anfänglicher guter Nahrungsaufnahme und gutem Gedeihen führen die verursachten Schädigungen nach einigen Wochen vielfach zum Tode. Es ist daher unbedingt notwendig, unmittelbar nach der Aufnahme eine Sofortbehandlung vom Tierarzt oder einer qualifizierten Igelauffangstation durchführen zu lassen. Nur diese sofortige Beseitigung der vorhandenen Innenparasiten gibt die Gewähr, dass der aufgenommene Igel wieder ausgesetzt werden kann. Bei diesen sofort behandelten Igeln muss nach 14 Tagen eine Kontrolluntersuchung durchgeführt werden.

Achtung: Jungigel bis 200 g sollten in diese Sofortbehandlung nicht einbezogen werden, da sie häufig keine oder nur schwachen Parasitenbefall zeigen. Eine Kotuntersuchung ist aber in jedem Fall notwendig.

Dem sich aufdrängendem Einwand, dass schließlich auch die in Freiheit lebenden Igel mit demselben starken Schmarotzerbefall leben, muss leider entgegnet werden, dass wir nicht genau wissen, wie lange sie dies tun. Es ist aber erwiesen, dass in wissenschaftlicher Beobachtung stehende, parasitenfrei gehaltene Igel gut doppelt so lange leben, als dies für die Wildigel angenommen werden kann, deren bedrückende und in den letzten Jahren rapide ansteigende Todesrate nur durch die verhältnismäßig großen und im Gegensatz zu früheren Jahren zahlreichen Würfen einigermaßen aufgewogen wird. Deshalb müssen wir trachten, jeden aufgefundenen Kleinigel aus einem Spätwurf, der den Winter nicht allein überstehen kann, zu erhalten und – eben durch die hier beschriebene Vernichtung der Schmarotzer – im Frühjahr gesund wieder in die Freiheit zu entlassen.

2. Unterbringung

Igel sind Einzelgänger und finden sich nur zu kurzen Paarungszeiten zusammen. Erwachsene Igel dürfen daher auch in Not- und Krankheitsfällen nicht miteinander untergebracht werden, da dies zu Krankheitsübertragungen und Beißereien führen kann. Sogar bei Jungtieren aus verschiedenen Würfen ist aus dem selben Grund Vorsicht geboten! Die Geschlechtsreife bei handaufgezogenen Igeln beträgt 6-8 Monate.

Die Raumtemperatur, in dem der Igel untergebracht ist, sollte wenigstens +16°C, aber nicht über 20°C betragen. Temperaturen von 8-16°C sind zu gering und führen zu Futterverweigerung.

In dem geeigneten Raum sollte der Igel wenigstens 2m² haben (je größer, desto besser). Die Wände seines Auslaufes sollten mindestens 40cm hoch und aus Holz sein, da der Igel ein guter Kletterer ist (kein Maschendraht, da Verletzungsgefahr!).

Unterbringung in Badewannen, Plastikbecken, Obstkisten (Harasse), Aquarien/Terrarien oder Fensterkästen ist Tierquälerei! Hat der Igel zu wenig Bewegungsfreiheit, zeigen sich nach einigen Wochen Lähmungserscheinungen.

In seinem Auslauf stellt man dem Igel ein nach oben geschlossenes Schlafhäuschen (starke Kartonschachtel von 25x20x15cm) mit einem seitlichem Schlupfloch von 12x12cm, das auf einer nach unten wärmeisolierenden Unterlage steht (Holz, dicke Lage Pappe oder Zeitungspapier, jedoch niemals Styropor oder Plastik, da der Igel nur allzu leicht Teile davon verschluckt, was zu einem tödlich ausgehenden Darmverschluss führen würde).

Sie tun Ihrem Liebling keinen Gefallen, wenn Sie ihm eine geräumige Behausung zur Verfügung stellen. Igel leben in der Natur in möglichst engen Höhlungen, da sie hier weniger Körperwärme verlieren. Aus praktischen und hygienischen Gründen füllt man das Häuschen am besten mit zerknülltem Zeitungspapier (kein Kunstdruckpapier!). Man kann auch Heu (Fäulnisgefahr!) oder trockenes Laub (Zeckengefahr!) verwenden. Es muss mindestens einmal pro Woche gereinigt werden. Zweckmäßig ist es, den ganzen Auslauf mit Zeitungspapier auszulegen,, was die tägliche Reinigung (alte Zeitung entfernen, neue auslegen) erleichtert. Nie Holzwolle oder Plastikmaterial verwenden!

In den Auslauf stellt man je ein flaches und ein kippsicheres Schüsselchen für Futter und Wasser. Den Auslauf von mindestens 2m² braucht der Igel die ganze Nacht. Es ist nicht damit getan, ihn abends einige Zeit darin herumlaufen zu lassen.

 

Igel sind sehr empfindlich gegen hohe Frequenzen, weshalb sie metallischen, zirpenden, klirrenden und ähnlichen Geräuschen nicht achtlos ausgesetzt werden sollten. Sie zeigen sich nach solchen Geräuschen dann besonders scheu.

Obwohl sich Igel mit Haustieren vertragen würde, achten Sie bitte darauf, dass er sich nicht an Ihren Hund gewöhnt. Er darf sein natürliches Abwehrverhalten gegenüber Hunden  und Wildtieren in der freien Wildbahn nicht verlieren!

Krallenpflege: Wird einem Igel zu wenig Auslauf auf rauer Oberfläche geboten, nutzen sich die stets nachwachsenden Krallen nicht ab. Ihre Spitzen müssen daher von Zeit zu Zeit geschnitten werden, doch ist darauf zu achten, dass die Krallennerven nicht verletzt werden.

Merke: An den Hinterfüßen ist die (von innen ) zweite Kralle am längsten. Sie misste (auch im Freileben!) etwa 15mm. Die anderen Krallen sind etwas kürzer, die beiden äußersten rollen sich bei zu geringer Abnutzung ein und verdrehen die Zehen.

3. Ernährung

Igel sind weder Raubtiere noch Vegetarier, sondern Insektenfresser. Sie sind also weder zur Mäusebekämpfung in Häusern geeignet, noch können sie mit Gemüseabfällen ernährt werden.

Igel sind Nachttiere und nehmen ihre Nahrung zumeist erst bei Einbruch der Dämmerung zu sich. Nur kleine und stark abgemagerte Tiere müssen auch tagsüber etwas Nahrung erhalten.

Die Hauptnahrung muss immer auf Fleisch basieren. Sie kann täglich oder für wenige Tage im Vorrat zubereitet werden. Als Ballaststoff und Mineralienzusatz sollte etwas zermahlener Garnelenschrot oder Muschelgrit beigefügt werden.

Als Mischungsverhältnis für mehrere Tage hat sich bewährt: Etwa eine Handvoll Hundeflocken, 500g gehacktes Rindfleisch, 1 EL Futterkalk, etwas Leinöl oder frischer Lebertran, all dies mit Wasser angefeuchtet und durchmischt, um ein Austrocknen zu vermeiden. Diese Mischung kann als portionierter Vorrat im Kühlschrank einige wenige Tage aufbewahrt werden, muss jedoch einen halben Tag vor der Verfütterung aufgetaut werden und Zimmertemperatur haben.

Eine weitere bewährte Nahrung ist auch Dosenfutter für Hunde und Katzen (mit Rind- oder Fischzusatz), dem man nach belieben frisches Rind- oder Pferdehackfleisch beimischt. Ist das Dosenfutter von trockener Konsistenz, sollte man es mit etwas warmen Wasser anfeuchten.

Als Abwechslung – jedoch keinesfalls ausschließlich – kann auch gereicht werden: Hühnerklein (unzerkleinerte Flügel, Hälse und Keulen – gut gegen Zahnstein!) etwas Quark, hart gekochte Eier (niemals roh), Insekten, Gliedertiere (Asseln, Tausendfüßler etc.) einige wenige Mehlwürmer (zu reichliche oder gar ausschließliche Ernährung mit Mehlwürmern ist zwar für den Pfleger bequem, aber für den Igel lebensbedrohlich), ein Stückchen Banane, ungeschwefelte Rosinen (Reformhaus), Hühnerherz (Hühnerleber oder –magen ergibt häufig Durchfall) und aufgetauter, grätenfreier Tiefkühlfisch.

Ganz ausgezeichnet hat sich als bekömmlicher Futterzusatz das CLAUS-Weichfutter (mit Ameiseneiern und Insekten) bewährt.

Achtung: Das in Zoohandlungen erhältliche „Igelfutter“ ist nur als Zusatz- und keinesfalls als Haupt- und Aufzuchtsfutter brauchbar.

Zusätzliche Vitamingaben sollten (in der angegebenen Dosis) verabreicht werden:

  • Vitamin D: 2x wöchentlich 1Tropfen Vitamin D (OLEOVIT D³)
  • Vitamin B: 2x wöchentlich ½ Tablette BENEURAN COMP. (Leopold), oder täglich drei Tropfen BEKOZYM-Tropfen (Hofmann-La Roche)
  • Vitamin C: 1x wöchentlich 10 Tropfen Ascorbin Vitamin C Sirup (Montavit)

Besonders bei Jungtieren sind tägliche Beigaben von einer Messerspitze vitaminisiertem Futterkalk (z.B. VITOSSAN, OSSPULVIT, WELPI-SAL oder TOTALIN v. Stricker) nötig. Die in Apotheken erhältliche Schlemmkreide (=Calciumcarbonat, also ohne Phosphatzusatz) ist bei Durchfall oder bei Pipettenfütterung zu verwenden.

 

Futtermenge: Täglich ein bis maximal zwei gehäufte Esslöffel (abends) genügt für einen heranwachsenden Igel. Lassen Sie sich nicht von seinem offensichtlich noch viel größeren Appetit dazu verleiten, „Ihren“ Igel zu mästen und damit einer lebensgefährlichen Verfettung auszuliefern. Sie tun ihm damit nichts Gutes! Richten Sie die Futtermenge so ein, dass Ihr noch nicht ausgewachsener Igel maximal 50g pro Woche zunimmt. Hat der Igel sein natürliches Gewicht von ungefähr 800g-1000g  (für Igel aus Höhenlagen ist allerdings 1200-1400g nichts ungewöhnliches) erreicht, muss eine weitere Gewichtszunahme vermieden werden. Um ihn auf einen erreichtem Idealgewicht zu halten, ist eine wöchentliche Gewichtskontrolle notwendig.

Ein nicht überfütterter und daher schlanker, aktiver Igel ist zumeist viel gesünder und widerstandsfähiger als ein durch übertriebene und unverständige Tierliebe gemästeter und fauler.

Untaugliche Nahrungsmittel

Das Füttern mit Regenwürmern und Schnecken während der Pflege im Haus ist unbedingt zu unterlassen. Einzelne Igel entwickeln in Menschenobhut mitunter einen recht unterschiedlichen, indessen ihnen nicht immer bekömmlichen Geschmack. Bitte vergessen Sie nie, dass für ein Wildtier nicht alles gut ist, was uns Menschen schmeckt. Bieten Sie daher „Ihrem“ Igel niemals menschliche Speisereste, Kuchen, Schokolade und keinesfalls Milch an. Bei geringsten Verdauungsstörungen kann Milch sehr gefährlich sein. Die altmodische Ansicht, dass Milch das Standartfutter für Igel sei, ist falsch und ebenso überholt wie die irrige Meinung, dass Tier am besten wissen, was ihnen gut tut.

Nichts Gesalzenes, nichts Gewürztes, Nichts Gezuckertes, immer frisches Wasser!

Gesundheitsparameter für Igel sind die Beschaffenheit des Kotes, der stets plastisch bis fest und geformt sein soll (Würstchen) und das Gewicht, das während der Pflegezeit laufend kontrolliert werden muss.

Eine lebensgefährliche Verfettung der Igel ist an ihren „Pumphosen“ an den Hinterbeinen zu erkennen.

4. Krankheitsanzeichen

 

  • Futterverweigerung in mehr als zwei Nächten nach der Aufnahme des Igels
  • Nach anfänglicher guter Futteraufnahme plötzlicher Verweigerung des Futters und damit verbundener, anhaltender Gewichtsabnahme
  • Wenn junge Igel nach anfänglicher guter Futteraufnahme einige Tage nichts mehr zu sich nehmen
  • Starker, anhaltender Durchfall: flüssiger, schaumiger oder mit blutigen Einsprengungen versehener Kot
  • Husten bzw. Röcheln, rasselnde Atmung, trockene Nase
  • Zittern, unsicherer Gang und seitliches Umfallen

Dies alles sind vermutliche Anzeichen eines Befalls durch Innenschmarotzer oder einer bakteriellen Infektion.

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