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Kastration auf Zeit
„Ein neues Medikament ermöglicht die Rüdenkastration ohne Operation.“
Die Kontrazeption – die Ausschaltung der Fortpflanzungsfähigkeit – ist sowohl bei der Hündin als auch beim Rüden eine häufig praktizierte Methode, die oft zum Zeitpunkt der Geschlechtsreife zwischen dem 7. und 10. Lebensmonat (rassespezifisch, große Rassen auch später) mit dem Auftreten der ersten Läufigkeit oder nach den Erfahrungen der ersten Jahre aktuell wird. Bei der Hündin steht die nach einer entsprechenden Vorsorge, um Begleiterscheinungen der Läufigkeit, klinisch ausgeprägte Scheinträchtigkeit und letztendlich auch unerwünschten Nachwuchs zu verhindern. Beim Rüden möchte man den Sexualtrieb eindämmen, aggressive Verhaltensweisen lindern und potentielle Deckakte vermeiden. Die Ausschaltung oder Unterdrückung der Sexualfunktion – die Kontrazeption – kann prinzipiell nach drei verschiedenen Grundverfahren (chirurgisch, medikamentös/hormonell, physikalisch) erfolgen, jedes wiederum mit mehreren Varianten. Die Fülle der Möglichkeiten und die Tatsache, dass an immer weiteren geforscht wird, deutet bereits darauf hin, dass noch kein absolut sicher nebenwirkungs- bzw. risikofreies Verfahren existiert.
Verschiedene Verfahren
Die üblichen bekannten Verfahren und damit die in der Praxis am häufigsten angewandten sind die chirurgische und medikamentöse bzw. hormonelle Kontrazeption. Weniger bekannt dagegen dürften physikalische und immunologische Verfahren sein. Während chirurgischen Verfahren, welche in der Regel als Kastration (Entfernung der Keimdrüsen – Hoden bzw. Eierstöcke) erfolgen, irreversibel sind, ist bei medikamentöser Behandlung nach unterschiedlich langer Zeit wieder mit dem Einsetzen der Fruchtbarkeit zu rechnen.
Einsatz synthetischer Hormone
Bisher wurden und werden dafür synthetische hormonaktive Substanzen verabreicht, die in ihrer Wirkung dem Trächtigkeitsschutzhormon Progesteron entsprechen, aber zum Teil viel länger wirksam sind.
Präventive Östrusblockade
Bei der präventiven (vorbeugenden) Östrusblockade werden der Hündin Langzeitgestagene verabreicht, die je nach Inhaltsstoff eine Wirkungsdauer von drei bis sechs Monaten haben. Gegen Ende dieser Zeitspanne muss die Injektion erneuert werden, damit keine Läufigkeit eintritt.
Außerdem muss das Präparat, insbesondere bei der ersten Injektion, streng in der Zyklusruhe (Anöstrus) verabreicht werden. Ist das nicht der Fall, können hormonelle Dysbalancen zur Gebärmutterveränderungen führen. Wird die Hündin anschließend doch noch zur Zucht eingesetzt, sind Sterilitäten nach vorausgegangenen Hormongaben nicht auszuschließen. Auch die Neigung zu Gesäugetumoren im späteren Alter, die Ausprägung eines Diabetes mellitus und Leberschädigungen werden von Dauerhormonbehandlungen dieser Art gefördert.
Fällt der Spiegel des synthetischen Hormons ab, entwickeln sich wie nach einer Läufigkeit Scheinträchtigkeitssymptome.
Läufigkeitsverschiebung
Bei der inhibitiven Kontrazeption handelt es sich dagegen um eine kurzeitige Läufigkeitsverschiebung für die Zeitdauer von Reisen oder Ausstellungen. Es werden Gestagene in Tablettenform verabreicht, mit denen jeweils fünf bis sieben Tage vor der beabsichtigten Reise begonnen werden muss. Die Läufigkeit wird jeweils nur für die Dauer der Medikation und eine unterschiedlich kurze Zeit nach dem Absetzen der Tabletten ausgeschaltet. Beim Rüden können ebenfalls synthetischen Hormone eingesetzt werden, jedoch mit einer deutlich kürzeren Wirkungsdauer von manchmal nur wenigen Wochen und teilweise nicht befriedigendem Erfolg. Die Nebenwirkungen sind ähnlich denen bei der Hündin.
Langzeitpräparat für Rüden
Es war also schon lange überfällig, Präparate zu entwickeln, die in ihrer Wirkung die Fortpflanzungsfunktion längere Zeit ausschalten, aber möglichst keine der genannten Nebenwirkungen aufweisen. Seit Neuem sind solche Produkte, bisher allerdings nur für den Rüden zugelassen, auf dem Markt.
Ein in Australien entwickeltes und seit einem Jahr auch in Deutschland verfügbares Präparat ist ein kleines Implantat von 12x2 mm, welches die Wirkungsdauer langsam auflöst. Der Wirkstoff ist Deslorelin, ein dem GnRH (Gondadotropin - Releasing – Hormon) aus dem Gehirn nachempfundenes Hormon (Analogon), welches durch die kontinuierliche Freisetzung aus dem Implantat zunächst zwar initial eine stimulierende, danach aber eine körpereigenen Sexualhormone hat. Diese Down – Regulation der GnRH-Rezeptoren hält bei dem in Europa verfügbaren Wirkstoff ca. sechs Monate, in Australien gibt es bereits ein 12 - Monats – Implantat. Der Vorteil dieser Präparate ist, dass sich ein kastrationsgleicher Zustand, aber auf Zeit einstellt.
Wirkungsweise
Die genauere Wirkung der GnRH – Analoga beruht auf der Unterdrückung von zwei Hypophysenhormonen (FSH und LH), welche beim Rüden einerseits für die Spermienbildung (FSH) und andererseits für die Testosteronproduktion zuständig sind. Nach einer kurzen Stimulierung in den ersten 10 bis 15 Tagen tritt wegen der weiter anhaltenden Wirkung die besagte Down – Regulation der Rezeptoren ein, was mit einer Ermüdung der Hypophyse einhergeht. Sie wird unempfänglich für stimulierende Hormone. Die wichtigsten körpereigenen Geschlechtshormone wirken nicht mehr. Damit wird die Testosteronbildung auf ein Minimum reduziert und die Spermienproduktion gestoppt.
Gleichzeitig erfolgt eine Größenreduktion der Hoden auf manchmal nur die Hälfte ihrer Ausgangsgröße.
Vorteile
Es lässt sich sicher voraussagen, ob der gewünschte Effekt, den man sich von einer chirurgischen Kastration versprochen hätte, auch wirklich eintritt (Verhalten, Hypersexualität). Die Operation kann, wenn gewünscht, dann später ausgeführt werden.
- Soll der Rüde doch noch einmal zur Zucht genutzt werden, ist Wirkung des Deslorelin reversibel, nach etwa acht Monaten (nach Implantation) setzt dann die Fruchtbarkeit wieder ein.
- Die Wirkung ist beliebig verlängerbar, wenn ein Implantat kurz vor Ablauf der Wirkung neu eingesetzt wird.
- Die Applikation ist denkbar einfach: Mit einer Art Spritze wird das Implantat unter die Haut zwischen den Schulterblättern gesetzt.
- Bei Prostatabeschwerden (gutartige Vergrößerung der Prostata) war bisher die chirurgische Hodenentfernung (Kastration) das Mittel der Wahl. Jetzt kann eine ausreichend lange Wirkung mit dem zur Verfügung stehenden Präparat erreicht werden. Da es sich bei Deslorelin um ein „Imitat“ (GnRH-Agonist) eines körpereigenen Freisetzungshormons handelt, welches in der Regulation der Fortpflanzungshormone eine Rolle spielt, entfällt eine direkte Wirkung auf die Gonaden und andere Organe, wie bei den bisherigen Hormonbehandlungen mit sogenannten Steroidhormonen. Es sind deshalb keine Nebenwirkungen zu erwarten.
- …und bei der Hündin?
- Bei der Hündin wirkt das Deslorelinimplantat zunächst ebenfalls stimulierend auf die Fortpflanzung, was bedeutet, dass eine Läufigkeit ausgelöst würde und erst die Nachbehandlung nach fünf bis sechs Monaten den gewünschten Erfolg bringt, nämlich das Ausbleiben der Läufigkeit. Vor Eintritt der Pubertät sind die Chancen größer, die Läufigkeit mit dem GnRH-Analogon noch zu verhindern und mit Anschlussbehandlungen beliebig lang zu unterdrücken. Bei der Hündin kann man keinesfalls zu irgendeinem beliebigen Zeitpunkt wie beim Rüden eine Behandlung beginnen. Die „Nebenwirkung“ besteht dann unter Umständen in der Einleitung einer Läufigkeit, was ja gerade verhindert werden soll. Die hormonelle Konstellation zu Behandlungsbeginn ist deshalb von besonderer Bedeutung. Eine Behandlung unmittelbar nach einer Läufigkeit scheint die beste Wirkung zu haben. Hier sind allerdings noch weitere Untersuchungen erforderlich, um eine praktikable Lösung für die Hündin zu finden.
- Vor- und Nachteile abwägen
- Wie nun soll sich ein nicht in Fortpflanzungsfragen erfahrener Hundehalter angesichts der aufgezählten Verfahren hinsichtlich der Desexualisierung seines Hundes entscheiden? Prinzipiell kommen unter Abwägung aller Vor- und Nachteile bei der Hündin nur die Kastration, bei großen Rassen mit der Gefahr der Harninkontinenz, oder die hormonelle Unterdrückung mit Langzeitgestagenen in Frage, für den Rüden außer der chirurgischen Kastration die Deslorelinimplantate.
- Die Entscheidung für eine Methode der Desexualisierung sollte auch aus der Sicht der Vor- und Nachteile abgewogen werden.
- Tabelle: Vor- und Nachteile verschiedener Kontrazeptionsmaßnahmen bei Rüden und Hündinnen
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Kontrazeptionsverfahren
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Vorteile
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Nachteile
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1. Kastration/Entfernung der Gonaden (Hoden, Eierstöcke)
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Hündin:
- vor 1. bzw. nach1./2. Läufigkeit: Senkung der Mammatumorer-
- krankungen
- kein unerwünschter Nachwuchs
- keine Läufigkeitssymptome, Verhaltensprobleme oder Rüdenattraktivität
- keine Scheinträchtigkeiten
- späteren Gebärmuttererkrankungen (Endometritis, Pyometra) ist vorgebeugt
Rüde:
- erwünschte Verhaltensänderung (60-80%)
- kein unerwünschter Nachwuchs
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Hündin:
- Neigung zur Fettsucht (20%)
- Operationsrisiko
- Harninkontinenz (10-15% aller Hündinnen über 20kg Körpergewicht)
- Haarkleidprobleme (Babyfell) bei langhaarigen Rassen
- Wesens- und Verhaltensänderungen in einigen Fällen
- Trotz Kastration: versprengtes Eierstockgewebe mit läufigkeitsähnlichen Erscheinungen
Rüde:
- Operationsrisiko
- Gewichtszunahme
- Harninkontinenz (sehr selten)
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2. Deslorelinimplantat
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Hündin:
- keine ausreichenden Erfahrungen
Rüden:
- reversibel
- sichere Voraussage des Kastrationseffektes
- beliebig verlängerbar
- keine Nebenwirkungen
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Hündin:
- nicht zugelassen
- Behandlung zum falschen Zeitpunkt führt zu Auslösung einer Läufigkeit
Rüde:
- benötigt ca. 14 Tage bis Wirkungseintritt
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3. Hormontherapie mit Gestagenen (bisher häufigste nichtchirurgische Methode)
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Hündin:
- kein Operations-/ Narkoserisiko
- keine Läufigkeiten bei korrektem Behandlungsintervall
Rüde:
- kurzzeitige, reversible Ausschaltung der Fortpflanzungsfunktion
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Hündin:
- Gefahr für Mammatumoren im Alter steigt
- Bei späterem Zuchtwunsch: Sterilitäten mögl.
- Häufiger Gebärmutterveränderungen
- Diabetogene Wirkung
Rüde:
- wie Hündin, s.o.
- oft unzureichende Wirkung
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